Philipp und Marie Dittman kamen als Frühchen zur Welt

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Philipp und Marie Dittman kamen als Frühchen zur Welt – Nach Zeiten des Bangens geht es ihnen nun richtig gut

Ausgelassen im Schnee toben, wie andere Kinder in ihrem Alter das auch tun – für Marie und Philipp ist das nichts Ungewöhnliches. Als sie vor rund sechs Jahren zur Welt kamen, konnte das niemand so vorhersehen. Damals kämpften Mediziner um das Leben der Geschwister.

Herrlich, dass es der normale Zwillings-Wahnsinn ist“, sagt Kristin Dittmann aus St. Andreasberg.

Vor sechs Jahren war das alles andere als klar prognostizierbar. Ihre Kinder Philipp und Marie kamen als Frühchen zur Welt. Viel zu klein, viel zu schwach. Ärzte, Schwestern, Pfleger, die Eltern Fabian und Kristin Dittmann sowie die gesamte Familie bangten um das Leben der beiden.

Ein Blick zurück ins Jahr der Angst: Die 23. Schwangerschaftswoche liegt erst hinter Kristin Dittmann, als sie am 12. Oktober 2010 ins Klinikum Hildesheim eingewiesen wird. Ihr Gebärmutterhals hat sich verkürzt. Sie bekommt ein Antibiotikum und Kortison für die Lungenentwicklung der Kinder. Dann beult sich Philipps Fruchtblase aus. Ein Eil-Kaiserschnitt ist nötig. Am Abend des 11. November wird zuerst der Sohn geholt, drei Minuten später die Tochter. Er wiegt etwas mehr als 1000 Gramm, sie etwas weniger. Ihre Körperlänge: 35 Zentimeter. Sie müssen in Inkubatoren, werden zunächst intravenös ernährt, erhalten dann Muttermilch über eine Einwegspritze.

Es setzt die Zeit der ganz großen Furcht ein. Um Marie: Sie hat eine Lungenembolie, eine Hirnblutung, und sie muss am Herzen operiert werden. Um Philipp: Die Lungen entwickeln sich nicht so, wie sie sollen. Er braucht ein Sauerstoffgerät. Die Diagnose lautet „schwere Form der Bronchopulmonalen Dysplasie“. Das sind länger anhaltende Atemstörungen bei Frühgeborenen. Er isst nicht so, wie er soll, und wird mit einer Magensonde ausgestattet.

Humanmedizin, Physiotherapie, Frühförderung, Homöopathie und Osteopathie – das alles bringt die Zwillinge auf einen guten Weg. Philipps Sauerstoffgerät kann nach eineinhalb Jahren weg, er trinkt selbstständig und ausreichend. Beide zeigen Fortschritt um Fortschritt, wenn auch unterschiedlich: Marie krabbelt beispielsweise früher als ihr Bruder. Der läuft dafür zuerst. Mit drei Jahren haben sie ein Stadium erreicht, das für Frühgeborene alles andere als gewöhnlich ist. Nun sind sie sechs, beenden in diesem Jahr ihre Kindergarten-Karriere und beginnen ihre Schullaufbahn.

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Herr Dittmann, herzlichen Glückwunsch, die Kinder sind total normal entwickelt“, hört sich Maries und Philipps Vater im vergangenen Jahr an.

Die Familie ist ein letztes Mal im Hildesheimer Klinikum zu neurologischen und psychologischen Untersuchungen, ist auch auf der Station. Dort, wo die Zwillinge medizinisch betreut worden waren. „Die freuen sich wie Bolle.“ Darüber, dass Marie und Philipp so gereift sind.

Die Kinder sind stark weitsichtig, tragen eine Brille. Na, und. „Die haben beide akzeptiert, haben gemerkt, dass sie ihnen hilft“, so Kristin Dittmann. Kleine Baustellen sind es sonst. Marie läuft oft auf Zehenspitzen. Physiotherapie soll das ändern. Philipp muss eine Zeit lang eine Zahnspange tragen.

Sorge kam bei den Eltern noch einmal auf, als ihre Zwillinge in den Kindergarten sollten. Wie ist das mit Infekten? Doch die zwei haben das gut weggesteckt, insbesondere Philipp. Dann doch Panik: Philipp hat Fieberkrämpfe, muss für zwei Tage in die Klinik. „Da war ich fertig“, erinnert sich die Mutter. Sie bekommt ein Medikament mit. Und da Dittmanns in der Krisenphase ihre Kinder sehr oft selbst medizinisch versorgt haben, haben sie keine Berührungsängste. „Die sind uns genommen worden“, so Fabian Dittmann. Den zweiten Fieberkrampf Philipps nehmen sie routiniert.

Tolle Kinder seien es, haben Dittmanns von den Kindergarten-Erzieherinnen gehört. Und, dass sie die Schule gut durchlaufen werden. Vater Fabian ist traurig, weil seine beiden dann so lange weg sein werden. Er ist einfach gerne mit ihnen zusammen.

Was sich mittlerweile zeigt: Marie hat eine ausgeprägte Fantasie und ist sprachlich sehr begabt, kann sich Reime verdammt gut merken, schreibt ihren Namen und den ihres Bruders. Philipp hat technisches Verständnis: „Was ist das“, fragt der Sohn. „Ein Kuhfuß“, antwortet der Vater. Was man damit mache, will der Sohn wissen. Nägel ziehen, sagt der Vater. Und: Der Sohn zieht Nägel. Extra für Philipp hat sein Opa eine kleine Werkstatt gebaut und eingerichtet. Marie nutzt die auch. Stellt man den Zwillingen eine Kiste mit Holzresten und einen Akkuschrauber aus Papa Fabians Dachdecker-Betrieb hin, legen sie los. Fantasie und technisches Verständnis passen gut zusammen… Dazu gibt es noch Maries Ehrgeiz sowie Philipps Geduld. Sie verstehen sich, können sich aber auch zoffen – wie es bei Geschwistern nicht unüblich ist.

Vor dem Schulstart werden die Zwillinge im Dittmannschen Haus umziehen. Raus aus dem gemeinsamen Zimmer, eine Etage höher jeder in sein Reich. „Marie hat es gedanklich schon eingerichtet, Philipp interessiert eher die Treppe“, so Kristin Dittmann. Die ist neu und führt zu den Räumen der beiden.

Fabian Dittmann hat beim Einbau assistiert. Er hat seine Art auf Ratschläge anderer zu reagieren. Auf den zum Beispiel, wie Philipp mehr auf die Rippen bekommen könne. Schlicht, aber deutlich entgegnet er: „Sie atmen…“ Dass das nicht so funktioniert hat, ist am Anfang ja ein Riesengrund für die Angst der Eltern gewesen. Er kann sich die Fotos, die in den ersten Monaten gemacht wurden, nicht anschauen. Es sei noch nicht an der Zeit. Er erinnert sich dafür gerne an die schönen Momente und sagt, „wir hatten Glück mit dem Personal im Krankenhaus“.

Seine Ehefrau hat eine Puppe anfertigen lassen – in der Größe der Frühchen und mit Maries Gesicht. 35 Zentimeter.

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„Es ist erstaunlich, wie schnell man die Relation vergisst“, so Kristin Dittmann.

Sie braucht das zur Verarbeitung, ihr Mann nicht. „Ich find’s aber gut, dass die Kinder das später mal sehen“, sagt er. Dass sie so klein auf die Welt geholt worden sind.

Eine zusätzliche Methode für Kristin Dittmann, Vergangenes zu bewältigen: Schreiben. Anfang des vergangenen Jahres ist sie auf ein Buchprojekt (siehe unten) angesprochen worden. Erfahrungs- und Vorlese-Geschichten sollten veröffentlicht werden. Thema: Frühgeburt. Kristin Dittmann hat einen Beitrag beigesteuert.

Zeit zu zweit haben sich Dittmanns ebenfalls gegönnt: Ein Wochenende in Hamburg, ein paar Tage auf Usedom und in Wien. Sie können dabei auf den Rückhalt durch die Familie zählen. Wie schon in der anfänglichen Zeit der Unsicherheit. Damals ihre Frage: „Erleben sie den normalen Schulalltag?“ Heute ihre Antwort:

„Herrlich, dass alles normal ist…“

Von Angela Potthast von der Goslarschen Zeitung

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„Eine Stimme für Frühchen – Vorlesegeschichten am Inkubator“ von Julia Schierhold-Urlichs und Tanja Sehrndt. Es erscheint am 20. März im „GrünerSinn-Verlag“ und kostet 24,95 Euro. Zu bestellen ist es unter: Shop

About Julia Schierhold-Urlichs

Autorin des Buches "Eine Stimme für Frühchen" und Mutter 4er wunderbarer Kinder! Julia lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Münster - zusammen mit 2 Englischen Bulldoggen, 1 plüschigen Katze, 2 eigenartigen Meerschweinchen und einigen Hühnern.

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