Jules Reise nach China

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Jules Reise nach China

Frankfurt – Peking- fast 9 Stunden Flug. Vorher nach Frankfurt- hinterher die Koffer einsammeln (man fährt mit der S-Bahn zur Kofferausgabe) und dann nach Tai’an mit dem Auto- nochmal 500 km.

Als wir abends in Tai’an ankamen, waren wir vollkommen kaputt. Dazu die Zeitumstellung und wir konnten im Flieger nicht schlafen, da eine Gruppe Chinesinnen auf Konversation eingestellt war. Nicht mit uns, sondern quer durch den Flieger miteinander.

Am nächsten Tag regnete es „Hunde und Katzen“. Wir unternahmen einen kleinen Ausflug und kamen erst einmal an. Dann fuhren wir weiter nach Qingdao. Wieder 500km. Dort besuchte Florian die erste Klinik.

Und die zweite Klinik gleich auch noch. Und wir trafen uns zum Essen mit einer Distributerin der Firma. Qingdao war eine deutsche Kolonie. Im Sprachgebrauch der dortigen Chinesen kommt nach wie vor das Wort „Gulli“ zum Beispiel vor. Nirgendwo sonst in China kennt man das Wort „Gulli“.

Abends trafen wir uns mit einem Arzt. Und dann ging es am nächsten Tag auch schon weiter nach Jinan. Von Jinan selbst sahen wir nur den Ausblick aus dem Hotel, denn es wurde stramm gearbeitet. Unsere Vorträge wurden noch ins Chinesische übersetzt und die PowerPoint Präsentationen ebenso. Wir trafen uns mit den ersten Ärzten und abends aßen wir alle zusammen zu Abend. Der nächste Morgen begann mit meinem Vortrag über Bindung und die Bedeutung des liebevollen Umgangs mit Frühchen. Danach folgte Florian mit einem 4stündigen Vortrag. Am Nachmittag fanden weitere Vorträge statt und am frühen Abend brachen wir gen Peking auf. Wieder eine 6stündige Autofahrt. Total erschöpft kamen wir in Peking an, verbrachten dort eine Nacht und am nächsten Morgen um 6 wurden wir schon wieder abgeholt, um zum Flughafen zu gelangen.

Das ist der nüchterne „Abfolgebericht“. Wer da noch etwas Erholung entdeckt, hat sich verlesen. Es war eine knüppelharte Woche voller Arbeit für uns beide. Es war emotional sehr anspruchsvoll.

Bevor man nun also in die totale Tiefe geht, möchte ich vorwegnehmen: jeder Leser sollte sich im Klaren sein, dass wir hier ein vollkommen anderes gesellschaftliches System haben. Dass man menschliche Einstellungen, soziale Strukturen, politische Gegebenheiten und das gesamte Leben an sich NICHT miteinander vergleichen kann. Ebenso wie für die Chinesen hier sicher einiges vollkommen skurril ist, wird es dem Leser ggf. ergehen. Und das ist auch okay. Jede Gesellschaft ist anders und JEDE hat ihre Berechtigung. Wir haben nicht das Recht, das zu verurteilen, was in vielen Jahren Arbeit dort entstanden ist. Eine Meinung darf man sich dennoch bilden und vielleicht darin erkennen, warum wir das alles auf uns nehmen.

China ist ein tolles Land. Voller Kultur, voller Stolz. China hat so viele Facetten, dass es keines Berichtes bedürfte, sondern eines Buches. Ich kann hier nur einen Teil beleuchten. Bitte bedenkt das.

Dreh- und Angelpunkt sind soziale Strukturen, die auch ihren Ursprung in der Einkindpolitik haben. Diese Problematik ist in China nichts Neues- darum wurde die Einkindpolitik auch gelockert. Das Problem ist jedoch, dass es unbezahlbar ist, mehr als 1 Kind zu haben.

Ein Kind in China zu haben bedeutet, dass man genügend Geld und Platz hat. Um als Kind in China irgendeine Chance zu haben, muss man der/die Beste sein. Denn sonst sind viele, viele andere Menschen vor einem, die einem in Job und Privatleben vorgehen. Teilweise geht das miteinander einher. Nur, wer es bis zu seinem 30. Lebensjahr schafft, einen anständigen Job zu haben, genügend Geld für eine angemessene Wohnung und ein Auto zu haben etc. hat gute Chancen, eine Frau zu bekommen. Damals waren Jungen das bevorzugte Geschlecht. Das hat zur Folge, dass es deutlich weniger Frauen gibt, die natürlich nun unter den Männern auswählen können.

Für die gesamte Familie und das Ansehen selbiger ist es wichtig, dass das Kind Job und Familie in sicheren Tüchern hat.

Für Kinder bedeutet das, dass sie nach der Schule häufig Privatunterricht bekommen. Dass die „Kreativität“ gefördert wird (Musikinstrumente etc). Überall gilt das Prinzip des Besten. Nur das zählt. Für die Eltern ein riesiger Druck. Für die Kinder natürlich auch. Lernmaschinen. Das Lernen erfolgt aber durch Auswendiglernen. Das ist zB für die Entwicklung in China problematisch. Denn es kommt wenig aus den Leuten selbst heraus. Sie lernen, dass sie möglichst viel lernen…

Ein Kind zu haben bedeutet also: genügend Wohnraum, Geld für die Schule, Geld für die Krankenversicherung, Geld für die Nachhilfe und die Hobbies und Geld zur Seite zu legen, um die Ehe des Kindes vorzubereiten. Zeitgleich muss die vorherige Generation versorgt und gepflegt werden. Alles lastet auf 1 Kind. Also bei 4 Großeltern müssen 2 Eltern die Eltern UND das Kind versorgen.

Nehmt das als Grundlage ohne Urteil. Es IST nun mal so.

Dann gibt es unheimlich viele Menschen in China. Rund 1,4 Milliarden Menschen leben dort.

Eine „Kleinstadt“ wie Jinan hat 7 Millionen Einwohner. Kennt jemand Jinan? Vermutlich nicht. Berlin- unsere größte Stadt- hat 3,5 Millionen Einwohner. Nur für die Dimension!

Nun ist es so, dass eine Frau in China ein Kind nur mit „Genehmigung“ bekommen kann. Eine Familienbehörde stellt diese Genehmigung aus. Damit darf man dann zur Entbindung.

Kommt ein Kind vor dem Termin zur Welt, ist es für die gesamte Familie ein Problem. Die Sorge und Angst ist riesig. Was ist, wenn dieses Kind behindert ist? Förderung wie bei uns gibt es nicht. Welche finanziellen Konsequenzen das hat, kann sich sicher vorstellen. Denn die Eltern müssen ja beide arbeiten, um die Generation Großeltern zu versorgen und sich das Leben leisten zu können.

Nun wird man als Frühchen geboren. Versorgung in Qingdao findet ab der 28.SSW statt. Vielleicht ab der 26.SSW. Man wird in einen Inkubator gelegt. Auf den Rücken. Denn im Lehrbuch damals stand es so. Man hält sich besser an das, was man im Studium etc. gelernt hat. Denn jeder Fehler kann für den Arzt und das Pflegepersonal riesige Konsequenzen haben. Neonatologen gibt es wenige. Niemand möchte diesen Job gerne machen. Ein normaler Arzt verdient etwa 500 Euro. Die Hälfte geht für die Miete weg. Es ist also wirklich kein begehrter Job.

Die Ärzte handeln strikt nach einem Plan für alle. Man liegt dort also mit 9 „Kumpels“ im Zimmer. Inkubator an Inkubator. Das Augenmerk liegt auf der medizinischen Versorgung nach einem Schema F, das für alle gilt. Ich will hier medizinisch gar nicht in die Tiefe gehen. Als Beispiel ist die Lagerung ganz gut. Bei meinem Mann in der Klinik werden die kleinen Mäuse auf dem Bauch gelagert, da die Beatmung so verbessert ist. In China liegen ALLE auf dem Rücken.

Man wird versorgt und das gut. Die Geräte sind gut. Die Ärzte sind auch „gut“! Viele haben im Ausland gearbeitet. Aber das dort Erlernte darf nicht angewendet werden, da das Schema F praktiziert wird. Weicht man davon ab und es passiert ein Unglück, ist man der „Gelackmeierte“.

Man liegt dort ohne seine Eltern. Denn die dürfen in vielen Städten (hier muss man differenzieren. Shanghai und Peking haben sicher westlichen Standard!) nur 2 Mal in 2-3 Monaten vorbei kommen. Viel zu wenig Platz. Und außerdem wird gar keine Notwendigkeit gesehen. Mama und Papa sind also Fremde. Man liegt dort und soll wachsen (auch psychisch). Das ist verdammt hart, denn schon jetzt lastet der Druck auf einem: später muss man zu den Besten gehören.

Die Familie ist beschämt. Die Schuld der Frühgeburt wird bei den Eltern gesehen. Wenn nicht die, wer dann ist denn bitte „Schuld“?

Das Verhältnis Eltern/Ärzte ist mehr als schlecht. Wie soll es auch gut sein.

BREAK. Bei uns ist es anders. Wir haben andere Bedingungen. Wir haben einen anderen Rahmen.

Wir werden nicht dort unseren Maßstab erzwingen können. Aber wir können anregen.

Unsere Entwicklung rund um die Frühchen ist auch nicht an einem Tag entstanden. Es ist eine Entwicklung.

Mit ganz kleinen Schritten und Ideen möchten wir nun beginnen. Ich schreibe im chinesischen WECHAT (facebook ist verboten) alle paar Tage in Gruppen einen Eintrag über den Umgang mit Frühchen hier (ich schreibe auf Englisch und es wird übersetzt). Dabei möchte ich nicht, dass das Gefühl entsteht, dass in China alles falsch läuft. Nee es läuft für die richtig. Es ist ein gewachsenes Problem und mit dem steten Tropfen und Liebe kann man hoffentlich die Bedingungen für die Kinder, aber auch für die Eltern und Ärzte verbessern. Vielleicht nicht viel, aber vielleicht ein bisschen. Irgendwer muss ja anfangen.

Mein Buch „Eine Stimme für Frühchen“ wird aktuell ins Chinesische übersetzt. Natürlich können die Eltern es nicht am Inkubator vorlesen. Außer in den großen Kliniken. Aber vielleicht können sie einen MP3 Player besprechen? Wird das Buch dort Gewinn abwerfen, wird dieser zu 100% in die Stiftung gehen!

Aktuell nähe ich wie verrückt Kleidung für chinesische Frühchen. Eulen nach Athen tragen 😉!? Vielleicht. Aber wenn die Ärzte und Schwestern sehen, was die Gruppe „Sternenzauber & Frühchenwunder“ produziert und welchen menschlichen Erfolg das hat, wird es dort vielleicht angenommen.

Parallel gründen wir eine Foundation. Ich bin offizielle Leiterin in China und habe eine Assistentin, die Deutsch und Chinesisch spricht (und Englisch). Eine Reihe lieber Menschen hat sich uns auf deutscher Seite und auf chinesischer Seite bereits angeschlossen. Finanziert werden wir in China- damit habe ich nichts zu tun. Meine Aufgabe ist es, die „Liebe“ zu transportieren. Ideen zu schaffen, Vorträge zu halten und so weiter.

Mein Vortrag in Jinan kam bei den jüngeren Ärzten gut an. Er war mit über 120 Ärzten gut besucht. Ich hatte nun nur 120 Mützen mit und nicht jeder bekam eine Mütze als „Give away“ nach dem Vortrag. Ich hatte nicht mit so einem Andrang gerechnet. Aber die rissen sich fast um die Mützen. Hinterher war wohl die wichtigste Aussage eines Arztes: „Das ist SO logisch- warum haben wir diese Ideen nicht?! (Ich stellte verschiedene Aspekte in der Pflege vor wie Kängurupflege, die Stimme der Eltern, Rooming- in (Salzburg, Berlin und demnächst ja auch am SFH Münster), Kleidung, Kuscheltiere etc.).

Es bedarf meiner Meinung nach keiner Neuerfindung des Rades. Die Chinesen sind Menschen, die WOLLEN. Medizinisch auch können, aber sich nicht trauen. Sie haben aber das Handwerkzeug und man muss nun zusammenarbeiten und gemeinsam die Herzen öffnen.

Dazu lade ich JEDEN ein, der unsere Foundation „PAOL“ unterstützen möchte. „Preemies And Our Love“.

Wie die Unterstützung aussieht, darf JEDER für sich entscheiden. Ideen, Organisiation, Hilfe beim Nähen etc. Wir nehmen alles an 😉 Meine Arbeit ist ehrenamtlich. Ich sitze oft 10 Stunden am Tag an dieser ehrenamtlichen Arbeit (in verschiedenen Bereichen: China, Sternenzauber & Frühchenwunder). Es ist also wirklich eine Herzensangelegenheit, die hoffentlich mehr als nur 1 Tropfen auf dem heißen Stein ist. Denn steter Tropfen höhlt selbigen.

Ich freue mich auf viele Nachrichten mit Fragen, Meinungen etc.

Julia

About Julia Schierhold-Urlichs

Autorin des Buches "Eine Stimme für Frühchen" und Mutter 4er wunderbarer Kinder! Julia lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Münster - zusammen mit 2 Englischen Bulldoggen, 1 plüschigen Katze, 2 eigenartigen Meerschweinchen und einigen Hühnern.

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